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Vom Verschwinden

Ich muss hier raus.
Ich merke seit geraumer Zeit, dass mir dieser Ort nicht guttut. Ich öffne Facebook und schließe es mit schlechterer Laune wieder, nicht unbedingt wegen einzelner Menschen, sondern wegen dieses eigentümlichen Abbilds der Menschen, das sich dort jeden Tag vor einem ausbreitet. Ein endloser Strom aus Meinungen, Empörung, Rechthaberei, Selbstinszenierung, Angst und jener merkwürdigen Gewissheit, mit der Menschen über Dinge urteilen, von denen sie kaum etwas wissen.

Das muss gar nicht Facebooks Schuld sein, sondern es zeigt nur etwas, das ohnehin da ist. Der Mensch ist ein erstaunliches Wesen: er möchte gesehen werden, aber nicht wirklich erkannt, er möchte gehört werden, aber nicht zuhören, er verlangt nach Freiheit und benutzt sie anschließend, um anderen vorzuschreiben, wie und was sie zu denken haben.

Das alles ist mir zunehmend zu anstrengend geworden. Vielleicht werde ich auch einfach müde von der Vorstellung, dass die Welt ständig kommentiert werden muss, dass jeder Gedanke sofort nach draußen muss, jede Empörung einen Empfänger braucht und selbst das Schweigen inzwischen erklärungsbedürftig erscheint, dabei ist Schweigen manchmal die intelligenteste Form des Gesprächs.

Ich möchte meine schlechte Laune nicht länger mit einem Algorithmus teilen. Ich möchte wieder Dinge ansehen, ohne sie sofort bewerten zu müssen, Menschen begegnen, ohne vorher ihre digitale Biografie zu kennen, ein Bild machen, weil es mich berührt, nicht weil es jemand liken könnte. Einen Gedanken haben, der vielleicht nie veröffentlicht wird und gelegentlich feststellen, dass die Welt auch dann noch existiert, wenn man nicht alle fünf Minuten nachschaut, was sie gerade von sich (selbst) hält. Das ist misanthropisch. Sei’s drum. Menschen beim (vermeintlichen) Menschsein zuzusehen, ist nicht immer eine erbauliche Beschäftigung.

Also gehe ich. Nicht aus der Welt. Nur aus diesem kleinen digitalen Vorzimmer der Welt, in dem alle gleichzeitig reden und sich anschließend wundern, warum niemand zuhört.

Ihr wisst ja, wo Ihr mich findet